Zusammenfassung der Vorträge und Workshops

Vorträge Freitagabend, 09.09.2016

Lutz Götzmann, Bad Segeberg: "Die Antwort des Realen auf dem Grunde des Symptoms - psychosomatische Variationen zu Jacques Lacan"

In dem Vortrag wird danach gefragt, welche Bedeutung die Lacanianische Psychoanalyse für das Verständnis und die Behandlung psychosomatischer Erkrankungen hat. Vor dem Hintergrund des Paradigmas, dass die psychische Wirklichkeit eines Individuums sich aus den Bereichen des Realen, Symbolischen und  Imaginären zusammensetzt, werde ich das Zusammenspiel dieser drei Register bei der Entstehung von Körpersymptomen erläutern, u. a. unter der Rücksichtnahme darauf, wie intakt der imaginäre Raum des Subjekts ist, und wie die Schicksale der Symbolisierungen im Körperlichen und Sprachlichen in einem intakten bzw. traumatisch beschädigten imaginären Raum verlaufen. Es wird das Modell einer „Achse der Psychosomatischen Totalität“ vorgestellt, und welchen Einfluss das Reale sowohl bei der Entstehung des Symptoms wie bei der Therapie psychosomatischer Probleme hat. Der Vortrag beschließt mit Überlegungen zum „sinthomalen“ Charakter von Körpersymptomen, die sich auf das Spätwerk Lacans beziehen.

Rolf Nemitz, Berlin: Das Symbolische, das Imaginäre und das Reale nach Lacan

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan stützt sich bei seiner Reformulierung der Psychoanalyse auf drei Grundbegriffe: das Symbolische, das Imaginäre und das Reale. Diese drei „Ordnungen“ beziehen sich auf das praktische Handeln. Psychoanalytiker intervenieren durch das Sprechen, also in der Dimension des Symbolischen. Dieses Sprechen zielt darauf ab, einen verborgenen Sinn ans Licht zu bringen, und der Sinn entsteht durch das Zusammenwirken von Sprache und Bildern, von Symbolischem und Imaginärem. Dabei machen Analytiker und Analysand die Erfahrung, dass es etwas gibt, das sich der Deutung hartnäckig entzieht. Lacan nennt es das Reale; in Freud‘schen Begriffen geht es dabei etwa um das Trauma oder die Urverdrängung oder die Abwehr. Der Vortrag erläutert die Begriffe des Symbolischen, des Imaginären und des Realen in ihrem theoretischen und praktischen Zusammenhang sowie anhand plastischer Beispiele.

 

Vorträge Samstag, 10.09.2016

Vera King, Frankfurt/Main: Allmacht und Ohnmacht in Zeiten der Optimierung

Vollkommenheit wurde klassisch als ein regulatives Ideal verstanden, das zugleich praktisch unerreichbar bleibt. Perfektion lässt sich aber – so die gegenwärtige, durch rasante technische Veränderung wesentlich mitgespeiste Tendenz – auch als eine durch entsprechende Aktivität zu erreichende Ziellinie verstehen, die sich demnach stets aufs Neue überschreiten ließe. Diese zweite Variante kommt gegenwärtig zum Ausdruck in der wachsenden Bedeutung von Optimierungsanmutungen, die sich auf immer mehr Bereiche ausdehnen. Optimierungsansprüche werden zum einen über kulturelle Diskurse, über Marktzwänge und praktisch veränderte Lebensbedingungen in der beschleunigten flexibilisierten Moderne vermittelt - zum andern sind sie verankert in biographischen Entwicklungen und verbinden sich mit Allmachtswünschen. Im Vortrag geht es anhand von Befunden einer aktuellen Studie um psychische Folgen gesellschaftlicher Wandlungen, bei denen Orientierungen an Perfektion neue Qualitäten erlangt haben. 

Franz Kaltenbeck, Paris: Die gesellschaftliche Verleugnung des Realen

Das Reale der Gesellschaft äußert sich unter anderem in ihren Wert-Krisen. Diese sollten nicht mit den gesellschaftlichen Konflikten verwechselt werden. Wertkrisen entstehen dann, wenn eine Gesellschaft für die Gefahren, die ihre das Leben erhaltenden Funktionen bedrohen, blind wird und die Menschen dann ihre Panik durch einstimmige Massenbewegungen auszuschalten versuchen. Zum Beispiel fürchtet die Mehrheit der Franzosen die Immigration der syrischen Kriegsflüchtlinge in ihr Land viel mehr als die immer realistischer werdende Prognose, dass nach den nächsten Wahlen der Front National an die Macht kommen könnte. Diese politische Umstürzung macht nur einer Minderheit der Bevölkerung Angst.

Bestimmte Verbrechen wie Kinderschändung, Kindesmisshandlung und Kindesmord lösen in unserer Gesellschaft mit Recht Empörung aus. In Frankreich und Belgien werden nach solchen Untaten stille Protestmärsche veranstaltet. Die Schwurgerichtssäle sind bei den Prozessen gegen die Täter überfüllt. An diesen Reaktionen gegen solche manchmal unsagbaren Taten befremdet aber, dass in mehreren Fällen die Gesellschaft die Augen zum Zeitpunkt schloss, als diese Verbrechen geschahen und manche ihrer Vertreter, wie Ärzte oder das Schulpersonal sogar zu Komplizen wurden. Die gesellschaftliche Verleugnung des Realen und den Widerspruch angesichts des Verbrechens werde ich auf der Basis meiner klinischen Arbeit in einem Gefängnis Nordfrankreichs untersuchen.

Den Vortrag können Sie hier nachlesen.

Christian Kläui, Basel: Der Tod und das Reale

Psychoanalytisches Arbeiten kennt wenig Routine, es erlaubt kein stereotypes Anwenden erlernter Konzepte, sondern muss in jedem einzelnen Fall neu erfunden werden. Doch es konfrontiert uns auch mit dem immer Gleichen, mit den Litaneien des Todes und der ewigen Wiederholung. Wir können uns nicht auf das letztlich lustvolle Deuten und Aufdecken von verdrängtem Sinn (zum Beispiel im Traum) beschränken, wir haben es auch mit unauflöslichen Resten von Nicht-Sinn zu tun, mit dem Wirken des Todestriebs in der Wiederholung und, besonders bei den psychosomatischen Krankheiten, mit der realen Wiederkehr körperlicher Phänomene. Dies stellt uns im analytischen Arbeiten vor besondere Probleme, auf die ich in meinem Vortrag eingehen möchte, sprechend auch von einem Patienten, der an einer Multiplen Sklerose leidet. Die Gespräche mit ihm drängten mir, immer wieder, die beiden Begriffe auf, die ich zum Titel meines Vortrags genommen habe.

Workshops Samstagnachmittag, 11.09.2016

Rolf Nemitz, Berlin: Das Symbolische, das Imaginäre und das Reale nach Lacan

Lacans Begriffe des Symbolischen, des Imaginären und des Realen

Wie kann man mit Lacans Triade des Symbolischen, des Imaginären und des Realen arbeiten? Der Workshop gibt die Möglichkeit, das auszuprobieren.

Judith-Frederike Popp, Frankfurt: Von Gewalt gezeichnet - die Realität des Krieges im Animationsfilm

Die Verhandlung von Gewalt gehört zum Film seitdem seine Bilder lernten zu laufen. Von den geschlagenen Männern und Frauen im Film Noir bis zu den rauchenden Colts im Wilden Westen, von der Schießwut korrupter Cops in LA bis zum sadistischen Flimmern der „funny games“, wo man auch hinschaut in der noch verhältnismäßig kurzen Geschichte dieser Kunstform: Filmgewalten sind überall präsent. Was die meisten dieser Verarbeitungen allerdings gemeinsam haben, ist, dass sie ihre Wirkung maßgeblich aus dem Medium des Realfilms zu ziehen scheinen. Diese Beobachtung verweist auf mindestens zwei Problemfelder: Zum einen lässt sich die Rede von der Wirkung hier als Hinweis auf die Möglichkeit verstehen, zwischen der Gewalt im Film (also die konkrete dargestellte Gewalt) und der Gewalt des Films (also die Darstellungsgewalt, ausgeübt durch die Bilder selbst) zu unterscheiden. Zum anderen kann man die Frage stellen, was diese Überlegung für Filme bedeutet, deren Bilder von anderer medialer Beschaffenheit sind.

Ich möchte in meinem Workshop die Möglichkeit eröffnen, beide Aspekte in Relation zueinander zu diskutieren. Ausgangspunkt hierfür sollen vor allem die Filme Waltz with Bashir und Die letzten Glühwürmchen sein, die beide aus sehr unterschiedlichen kulturellen Kontexten und künstlerischen Traditionen heraus die Realität des Krieges mit gezeichneten Bildern rekonstruieren. Die Wahl dieser Werke liegt in dem Umstand begründet, dass sich mit Blick auf ihre stilistischen Entscheidungen sehr gut die Fragen thematisieren lassen, über welche Mittel Filme abseits des rein fotografischen Mediums verfügen, um das Phänomen der Gewalt zu vermitteln und inwieweit sie dabei über ein ästhetischen Instrumentarium verfügen, das ihnen eine eigenständige Stellung neben den klassischen Gewaltinszenierungen im Realfilm verschafft.

Im Workshop werden nach einer kurzen auch theoretischen Einführung in die Rahmenbedingungen filmästhetischer Betrachtungen einzelne Sequenzen aus den genannten Filmen vorgestellt, die der Diskussion als Leitfaden dienen können. Darüber hinaus soll aber auch Raum sein für ergänzende oder kontrastierende Filmbeispiele aus der Teilnehmerrunde.

Franz Kaltenbeck, Paris: David Foster Wallaces vergebliche Versuche, dem Existenz-Schmerz (douleur déxister) zu entkommen

Der amerikanische Autor behauptet, er habe mit "Infinite Jest" (« Unendlicher Spaß ») ein trauriges Buch schreiben wollen. Er wird aber, im Gegensatz zu seiner Behauptung, dem Titel seines Romans gerecht. Dass man seinen Humor schätzt, wenn man ihn liest, tut er mit der Bemerkung ab, Kafka habe auch lauthals gelacht, als er seine Geschichten seinen Freunden vorlas und doch seien diese oft traurig. Vielleicht ist es Wallace aber wirklich nicht gelungen, sein melancholisches Leiden, mit seinem Schreiben zu fassen und zu bändigen. Er konnte den Schmerz, der ihn umbrachte, dennoch klinisch beschreiben. Das, was Lacan "Sinthome" nennt, nämlich die Verknüpfung künstlerischer Schöpfung mit einer das Subjekt vor dem psychotischen Abgrund rettenden Struktur, ist ihm zumindest in seinem letzten Roman, « The Pale King » (« Der bleiche König ») nicht gelungen. Was hatte sich da diesem mächtigen Schriftsteller in den Weg gestellt? Diese Frage wollen wir versuchen zu beantworten.

Evelina Jecker-Lambreva: "Vaters Land" Roman

"Der allerbeste Vater ist der tote Vater, der Vater im Himmel. Jetzt kann er mir nicht mehr im Weg stehen, ihn zu lieben."

Inna Kamenarova, im Bulgarien der 1960er-Jahre geboren und nach der politischen Wende in die Schweiz emigriert, macht sich nach dem überraschenden Tod ihres Vaters auf den Weg in ihr Heimatland. Die Reise zu seiner Beerdigung wird für sie zur Rekapitulation ambivalenter Beziehungen, jener zum autoritären Vater sowie jener zur vom totalitären Regime gebeutelten Heimat.

Diese Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend unter der Strenge des Vaters und des Regimes dringen während der Reise ins Städtchen Neblisch in die Gegenwart. In atmosphärisch dichten Szenen erzählt Evelina Jecker- Lambreva zärtlich von einer wilden, unberührten Natur, einem Volk, dessen Erfindungsreichtum im Kampf gegen Armut und Unterdrückung nicht zu überbieten ist, und von Begegnungen mit Menschen, die die stets politisch induzierte Tragödie ihres Landes gekonnt zu hintertreiben wissen. Vaters Land ist eine liebevolle und dennoch nichts beschönigende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eines einzelnen Schicksals und eines gesamten Landes.

Rezensionen Vaters Land

Kurzrezension bei Die Presse am Sonntag, vom 13.07.2014, Bücherboard „Entdeckung im Land des Vaters.

 

Christian Kläui: Der Tod und das Reale - ein Werkstattbericht

Der Workshop schließt sich vertiefend an die klinische Thematik des Vortrags an.

Andrea Mura: Faint an Power of Austerity

In this workshop, a reference to Jacques Lacan’s ‘capitalist discourse’ will help highlight the bio-political workings of neo-liberalism in times of austerity, detecting the transition from so-called ‘debt economy’ to an ‘economy of anxiety.’ An ‘il-liberal’ turn at the core of current neoliberal discourses will be examined in particular, which pivots on an ‘astute’ intersecting between outbursts of renunciation; irreducible circularity of guilt and satisfaction; persistent attachment to forms of dissipative enjoyment; and a pervasive blackmail under the register of all-encompassing regulations and evalua­tions — all of which elevates the production of success up to the point of a production and consumption of failure. Taking its departure from this new economy, the crisis of Europe will be described as the anxiety produced by a reversal of those paradigms that have sustained the image of Europe so far. This reversal coincides with a return in Europe of that which for a long time was ejected outside in order for Europe itself to be constituted as a unified symbolic reality. The workshop will illustrate how this new economy has exposed a certain ‘disorienting’ effect of austerity, contributing to rekindling the ambiguities of Europe and therefore reconfiguring the image of the European self against its others.

Vorträge Sonntag, 11.09.2016

Andrea Mura: Islamic Revival and the Politics of Globalization

The coming into prominence of Islamist organisations such as al-Qaeda and ISIS on the stage of world politics at the turn of the millennium, has entailed, for many observers, the irruption of an obstacle to the triumphant narrative of the End of History after the end of the Cold War, and to a ‘Western’ associated fantasy of absolute control, mastery and representation of reality. The need to confront this new Islamist spectre, however, has also spawned attempts to enrich academic ‘knowledge’ of Islam. But such an attempt has often reproduced old clichés and essentialisms. Redressing the inefficiency of the terms in which the debate on Islam and Islamism is generally conducted, this presentation strives to unfold the discursive-ideological complexity of Islamism, exploring a range of ‘creative’ attempts by Islamist groups to re-organise their social imaginary in a globalized world, positivising the desedimenting effects of the real within a reconfigured symbolic economy.